Logistik funktioniert heute nicht mehr nach Schema F

Logistik funktioniert heute nicht mehr nach Schema F

Steigende Kosten, internationaler Wettbewerbsdruck und fehlende Fachkräfte setzen die Logistikbranche unter Druck. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Geschwindigkeit, Transparenz und Flexibilität stetig weiter. Laut der Bundesvereinigung Logistik (BVL) zählen Digitalisierung, Automatisierung und Effizienzsteigerung aktuell zu den wichtigsten Themen der Branche. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel besonders in operativen Bereichen wie Lagerlogistik, Umschlag und Fulfillment eine der größten Herausforderungen.

Wir haben mit Daniel Wallenhorst, Key Account Manager Logistics bei der Gi Group Deutschland, über aktuelle Entwicklungen, KPI-getriebene Prozesse und die Frage gesprochen, warum gute Logistik heute vor allem nahbar und individuell sein muss.

Daniel, wie würdest du die aktuelle Situation in der Logistik beschreiben?

Die Branche steht gerade gleichzeitig unter mehreren Drucksituationen. Viele Unternehmen kämpfen weiterhin mit steigenden Kosten, gleichzeitig erwarten Kund:innen immer schnellere Lieferzeiten und maximale Flexibilität.

Dazu kommt: Der Wettbewerb verändert sich extrem. Vor allem Plattformen und Anbieter aus Fernost erhöhen den Druck im E-Commerce massiv. Und natürlich verändert auch Amazon den Markt nachhaltig. Amazon ist heute längst nicht mehr nur Händler, sondern entwickelt sich auch für andere Unternehmen immer stärker selbst zum Logistikdienstleister.

Das führt dazu, dass sich die Erwartungen komplett verschieben. Geschwindigkeit, Transparenz und Skalierbarkeit werden heute oft einfach vorausgesetzt.

Welche Auswirkungen hat das konkret auf Unternehmen?

Viele Unternehmen merken, dass klassische Modelle nicht mehr ausreichen. Früher ging es oft darum, kurzfristig Personal oder Kapazitäten bereitzustellen. Heute wollen Kund:innen deutlich mehr Unterstützung bei Prozessen und Performance.

Die Gespräche drehen sich inzwischen viel stärker um Themen wie:

  • Produktivität
  • Fehlerraten
  • Peak-Management
  • Stabilität in Schichten
  • Fluktuation
  • Einarbeitungszeiten
  • KPI-Tracking
  • kontinuierliche Verbesserung

Logistik ist heute viel datengetriebener geworden.

Also reicht „Personal stellen“ allein nicht mehr?

Nein, definitiv nicht. Gute Logistikpartner müssen heute operative Prozesse wirklich verstehen. Es bringt wenig, einfach Leute irgendwo einzusetzen, wenn die Prozesse dahinter nicht sauber laufen. Deshalb arbeiten wir sehr stark KPI- und KVP-orientiert. Wir schauen gemeinsam mit unseren Kund:innen:

  • Wo entstehen Engpässe?
  • Wo verlieren Teams Zeit?
  • Wo entstehen Fehler?
  • Und vor allem: Wie können wir Prozesse nachhaltig verbessern?

Das ist oft viel individueller, als man von außen denkt.

Wie wichtig ist dabei der persönliche Austausch mit den Kund:innen?

Extrem wichtig. Gerade in der Logistik funktioniert vieles nicht nach Schema F. Ich nehme mir deshalb bewusst Zeit für Gespräche direkt vor Ort. Wenn man mit Kund:innen durch Lager oder operative Bereiche läuft, versteht man die eigentlichen Herausforderungen oft viel besser als aus irgendwelchen Reports heraus. Viele Probleme entstehen ja im Detail: Schichtübergaben, Einarbeitung, Peak-Auslastung, Kommunikation oder Prozessbrüche zwischen Teams.

Deshalb ist Nähe wichtig. Kund:innen brauchen heute keine anonymen Standardlösungen, sondern Partner:innen, die zuhören, mitdenken und gemeinsam Lösungen entwickeln.

Der Fachkräftemangel bleibt weiterhin eines der größten Themen?

Absolut. Laut aktuellen Branchenstudien bleibt der Arbeitskräftemangel trotz schwacher Konjunktur eines der größten Risiken für die Logistik. Gleichzeitig wird die Branche älter, während viele operative Jobs schwerer nachzubesetzen sind.

Man darf nicht vergessen: Die Logistik beschäftigt in Deutschland über drei Millionen Menschen und gehört zu den größten Wirtschaftsbereichen überhaupt. Trotzdem fällt es vielen Unternehmen schwer, offene Stellen langfristig stabil zu besetzen. Deshalb wird internationale Rekrutierung immer wichtiger.

Wie muss internationale Rekrutierung heute funktionieren?

Professionell und nachhaltig. Es reicht nicht, einfach Menschen nach Deutschland zu holen und zu hoffen, dass es funktioniert. Themen wie Onboarding, Betreuung, Sprache, Integration und langfristige Bindung sind extrem wichtig geworden.

Gerade in der Logistik entscheidet Stabilität oft über Erfolg oder Misserfolg. Unternehmen brauchen besonders in Hochphasen Teams, die zuverlässig funktionieren. Deshalb versuchen wir immer, sehr individuell zu arbeiten und genau zu verstehen, was der jeweilige Standort wirklich braucht.

Welche Trends werden die Branche in den nächsten Jahren prägen?

Definitiv Automatisierung und Digitalisierung, aber nicht nur.
Viele denken sofort an Robotik oder KI, aber oft geht es erstmal um Transparenz und Daten. Unternehmen wollen genauer verstehen:

  • Wo verlieren wir Produktivität?
  • Welche Prozesse kosten Zeit?
  • Wie können wir Schichten stabiler planen?
  • Wie reduzieren wir Fluktuation?

Dazu kommt das Thema Resilienz. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie empfindlich Lieferketten geworden sind. Unternehmen wollen heute deutlich flexibler und widerstandsfähiger aufgestellt sein.

Was macht aus deiner Sicht gute Logistik aus?

Am Ende geht es immer um Menschen und Prozesse zusammen. Technologie wird wichtiger, Daten werden wichtiger, aber ohne funktionierende Teams bringt das alles nichts. Gute Logistik entsteht dort, wo Prozesse sauber laufen und Menschen sich aufeinander verlassen können.

Und genau deshalb ist individuelle Zusammenarbeit heute wichtiger denn je.

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