Lange wurde über sie gestritten, doch gibt es sie überhaupt?
Die sogenannte Lohnlücke zwischen Zeitarbeitskräften und Festangestellten steht seit Jahren im Zentrum der Kritik an der Branche. Eine neue wissenschaftliche Analyse räumt nun gründlich mit gängigen Vorurteilen auf – und zeigt: Wer genauer hinschaut, sieht ein ganz anderes Bild.
Eine Einschätzung dazu kommt von Martin Klingen, Chief Corporate Affairs Officer der Gi Group, der die Ergebnisse im Beitrag einordnet.

Was steckt hinter der „Lohnlücke“?
Regelmäßig wird behauptet, es gebe eine Lohnlücke über 30%, Zeitarbeitskräfte würden deutlich weniger verdienen als vergleichbare Stammbeschäftigte. Dies legen unbereinigte Statistiken der Bundesagentur für Arbeit, zum Beispiel zu Monatsbruttolöhnen, auch durchaus nahe. Doch diese Statistiken basieren auf „Äpfel-mit-Birnen-Vergleichen“, denn sie lassen wichtige Faktoren wie Arbeitszeit, Qualifikation, Alter oder Bildung außer Betracht. So werden ungelernte Zeitarbeitskräfte in Teilzeit mit ausgebildeten und berufserfahrenen Fachkräften in Vollzeit verglichen und das Ergebnis dadurch tendenziös verzerrt.
Warum sind korrigierte Vergleiche betriebswirtschaftlich fairer?
Wissenschaftliche Modelle gleichen systematisch Unterschiede zwischen Gruppen aus, um Verzerrungen in der Analyse zu vermeiden. Zum Einsatz kommen dabei Methoden wie das Matching statistischer Zwillinge, die lineare Regression oder die Blinder-Oaxaca-Dekomposition. Sie ermöglichen einen fairen Vergleich von Beschäftigten mit gleichen Rahmenbedingungen und sind damit wissenschaftlicher „State of the Art“.
Genau das hat das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung aus Tübingen im Juni 2025 getan und im Auftrag des GVP eine umfangreiche Analyse vorgelegt, die auf den Daten der Verdienststrukturerhebung 2023 beruht. Dabei wurden die Faktoren Alter, Branchenerfahrung, Geschlecht, Wochenarbeitsstunden, etc. systematisch einbezogen.
Welches Ergebnis hatte die Studie?
Das Ergebnis ist für Branchenkenner nicht überraschend, räumt aber mit dem Vorteil des „Lohndumpings“ auf. Im Stundenlohn ist die Lohnlücke verschwunden, in einem Berechnungsmodell liegt sogar ein positiven Effekt zugunsten der Zeitarbeit vor: Zeitarbeitskräfte verdienen bis zu 10% mehr als Stammbeschäftigte. Bei geringfügig Beschäftigten ist der positive Abstand mit bis zu 12% mehr für Zeitarbeitskräfte sogar noch größer. Selbst wenn man (wissenschaftlich unkorrekt) die Arbeitszeit außer Betracht lässt, schrumpft der Unterschied auf weniger als 5%.
Was folgt daraus?
Wird auf wissenschaftlicher Grundlage verglichen, ist die angenommene strukturelle Benachteiligung von Zeitarbeitskräften nicht mehr haltbar. Auch der GVP betont: „Die Zeiten, in denen Zeitarbeit per se schlechter bezahlt wurde, gehören der Vergangenheit an. Wer heute noch das Gegenteil behauptet, ignoriert bewusst die Fakten.“
Ob und wie die neuen Erkenntnisse auch Einfluss auf die anstehenden Tarifverhandlungen haben werden, wird sich zeigen.
Klar ist aber: Politische Forderungen zur Einschränkung von Zeitarbeit ist ihr wichtigstes Argument genommen, bestehende Regulierungen sollten zeitnah abgeschafft werden. Zeitarbeitskräfte sind keine Arbeitnehmer zweiter Klasse, schon gar nicht bei der Vergütung.
Die Studie des IAW verändert folglich den Diskurs: Die vormals monierte Lohnlücke in der Zeitarbeit ist faktisch verschwunden, teils liegen Zeitarbeiter sogar vorn.

