Standortstrategie auf dem Prüfstand

Blogbeitrag Daniel Wallenhorst

Warum Logistikunternehmen jetzt in deutsche Ballungsräume investieren sollten. Ballungsräume, geopolitische Unsicherheiten, Fachkräftemangel. Die Standortfrage ist für viele Logistikunternehmen zur strategischen Entscheidung geworden. Daniel Wallenhorst, Key Account Manager im Bereich Logistik bei Gi Group, begleitet seit Jahren Kund:innen bei der Standortwahl und dem Aufbau neuer Teams. Im Interview teilt er seine Einblicke, was aktuell den Ausschlag für neue Standorte gibt, warum urbane Verteilzentren an Bedeutung gewinnen und wie Personalpartnerschaften in der Praxis funktionieren.

Warum jetzt neue Standorte?

Daniel, du begleitest seit Jahren Logistikunternehmen in ganz Deutschland. Was treibt aktuell die Standortverlagerung oder -ausweitung in der Branche an?

Viele meiner Kund:innen schauen sich aktuell neue Standorte an, weil sie näher an die Endkund:innen ranwollen. Gerade durch den E-Commerce steigt der Druck, schneller zu liefern. Also braucht es urbane Verteilzentren, gute Anbindung und möglichst kurze Wege. Gleichzeitig sehen wir, dass Zölle und geopolitische Risiken bestehende Routen unattraktiv machen. Wer flexibel bleiben will, plant dezentraler. Deutschland ist für viele ein sicherer und berechenbarer Markt.

Besonders Zölle, geopolitische Risiken und Lieferkettenumbrüche sorgen für Druck. Wie reagieren deine Kund:innen auf diese Entwicklungen, insbesondere mit Blick auf Lagerstandorte und urbane Verteilzentren?

Die meisten setzen mittlerweile nicht mehr auf ein großes Lager, sondern auf mehrere kleinere, regional verteilte Standorte. Das macht sie unabhängiger, wenn irgendwo was stockt. Gerade urbane Verteilzentren werden stärker nachgefragt, weil sie näher an den Kund:innen sind. Auch das Thema Lagerpuffer spielt eine Rolle. Viele Firmen stocken ihre Bestände wieder leicht auf, um flexibler reagieren zu können, wenn es irgendwo eng wird. Und ja, Nearshoring ist bei vielen wieder auf dem Tisch.

Warum setzen viele Unternehmen gerade jetzt auf Ballungsräume in Deutschland, zum Beispiel im Ruhrgebiet, Großraum Leipzig oder rund um Frankfurt?

Die Infrastruktur in diesen Regionen ist einfach ein großes Plus. Autobahnen, Flughäfen, Schiene: Da passt alles. Außerdem hast du dort den Zugang zu großen Arbeitsmärkten und viele Endkund:innen direkt vor der Tür. Wer schnell liefern will, kommt an diesen Regionen kaum vorbei. Leipzig zum Beispiel ist besonders spannend, weil die Kostenstruktur dort noch relativ moderat ist, verglichen mit Frankfurt oder München.

Von der letzten Meile bis zum Teamaufbau

Welche Rolle spielen dabei Themen wie letzte Meile, Nähe zu Endkund:in und Tempo bei der Belieferung?

Eine sehr große. Die letzte Meile ist der teuerste Teil der Lieferkette. Wer hier effizient sein will, braucht kurze Wege. Deswegen planen viele Unternehmen gezielt Standorte in der Nähe großer Wohngebiete. Same-Day-Delivery ist in manchen Branchen inzwischen Standard. Dafür musst du gut angebunden und technologisch sauber aufgestellt sein. Viele setzen auch auf kleinere Depots oder Micro-Hubs, die schnell reagieren können

Wenn neue Standorte aufgebaut werden, braucht es auch neue Teams. Welche Hürden erlebst du im Vertrieb und wie lassen sie sich konkret überwinden?

Das größte Thema ist fast immer: Passende Leute finden. Gerade im Lagerbereich ist der Wettbewerb um Arbeitskräfte riesig. In manchen Regionen ist der Pool ziemlich leer. Dann geht’s viel über Geschwindigkeit und Reichweite im Recruiting. Was gut funktioniert, ist eine Kombination aus lokalem Netzwerk, digitaler Sichtbarkeit und einem guten Onboarding. Wenn das Gesamtpaket stimmt, also auch Schichten, Lohn und Erreichbarkeit, bekommst du Leute. Aber das ist nichts, was von allein läuft.

Du arbeitest bei Gi Group auch eng mit unserem EU-Mobility-Team zusammen. Inwiefern profitieren Unternehmen davon, wenn sie Fachkräfte aus dem EU-Ausland integrieren z. B. für Lager oder Auslieferung?

Ganz klar: Ohne EU-Recruiting geht in vielen Projekten gar nichts mehr. Viele Kund:innen finden lokal nicht genug Personal. Da helfen wir mit eingespielten Prozessen, um schnell EU-Arbeitskräfte einzubinden. Gerade bei temporären Peaks oder Standortneueröffnungen ist das Gold wert. Unsere Erfahrung zeigt: Wenn die Sprachbarriere niedrig ist und das Team vor Ort gut vorbereitet wird, klappt die Integration meistens reibungslos.

Flexibel planen, ohne Qualitätsverlust

Viele Entscheider:innen fragen sich: Wie lässt sich Personal flexibel planen, ohne an Qualität oder Verlässlichkeit zu verlieren? Was rätst du in solchen Situationen?

Ich empfehle immer eine Mischung aus stabilem Kernteam und flexibel einsetzbarem Zusatzpersonal. Das schafft Verlässlichkeit und gibt gleichzeitig Luft für kurzfristige Anpassungen. Zeitarbeit ist hier ein guter Hebel, wenn sie strategisch eingesetzt wird. Wichtig ist, dass man mit erfahrenen Partnern:innen arbeitet, die nicht nur liefern, sondern auch mitdenken. Gute Schulung, transparente Kommunikation und kurze Wege machen da oft den Unterschied.

Ob Zeitarbeit, langfristige Planung oder schnelle Standortbesetzung. Was unterscheidet deiner Meinung nach eine gute Personalpartnerschaft von kurzfristigem Staffing?

Echte Partner:innen kennen deine Abläufe, wissen, was dir wichtig ist und denken mit. Da geht es nicht nur darum, schnell jemanden zu schicken, sondern die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu bringen. Kurzfristiges Staffing löst vielleicht ein akutes Problem, aber eben nicht nachhaltig. Eine gute Partnerschaft bedeutet Verlässlichkeit, Qualität und oft auch Beratung. Gerade bei neuen Standorten oder größeren Projekten zahlt sich das aus.

Worauf Entscheider:innen jetzt achten sollten

Du kennst den Markt sehr genau. Welche Standorte in Deutschland lohnen sich aktuell besonders für neue Logistikprojekte? Und wo siehst du Potenzial, das viele noch nicht auf dem Schirm haben?

Die Klassiker wie das Ruhrgebiet, Frankfurt oder Leipzig bleiben stark. Aber es gibt auch Regionen, die gerade richtig spannend werden, zum Beispiel Erfurt, Magdeburg oder Nürnberg. Da bekommst du noch Fläche, die Anbindung stimmt und die Konkurrenz ist nicht so groß wie in den etablierten Hotspots. Wer früh investiert, kann sich dort langfristig Vorteile sichern. Besonders interessant ist das für Unternehmen, die deutschlandweit agieren wollen und dabei auch auf die Kosten achten.

Abschließend: Was gibst du Entscheider:innen mit auf den Weg, die 2025 & 2026 ihre Standortstrategie bei Kostendruck, Rekrutierungsengpässen und geopolitischer Unsicherheit neu aufstellen müssen?

Ich würde raten, pragmatisch zu bleiben und mit den richtigen Fragen zu starten: Wo bekomme ich Personal? Wie schnell bin ich lieferfähig? Und wie flexibel kann ich reagieren, wenn sich Rahmenbedingungen ändern? Wer das ernst nimmt, wird merken, dass Ballungsräume und zentrale Lagen oft die besten Antworten liefern. Und: Gute Partner:innen im Recruiting und klare Prozesse sind entscheidend. Dann klappt’s auch, wenn’s mal eng wird.

Fazit: Wer klug plant, gewinnt Zeit

Ob Standortwahl, Personalstrategie oder Rekrutierung über EU-Mobility, wer seine Logistikplanung auf ein stabiles, flexibles Fundament stellt, bleibt auch in unsicheren Zeiten handlungsfähig. Daniel Wallenhorst zeigt, dass es nicht nur auf Fläche und Infrastruktur ankommt, sondern vor allem auf die richtigen Fragen, Partner und Prozesse. Denn Geschwindigkeit allein reicht nicht. Wer nachhaltig liefert, braucht auch das passende Team.

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